Hans Herkommer, Katholische Pfarrkirche St. Michael, Saarbrücken-St. Johann, Lage am Rotenberg
Westfassade
Westfassade, Entwurf 1913
Westfassade, Entwurf 1913/1918
Lageplan
Westfassade, Aufriss, Baugesuch 1923
Grundriss, Baugesuch 1923
Längsschnitt, Baugesuch 1923
Querschnitt, Baugesuch 1923
Innenraum nach Ost, nach Fertigstellung 1925
Chor, nach Fertigstellung 1925
Chor, Zustand 2000
Katholische Pfarrkirche St. Michael
Saarbrücken, Mitte, St. Johann, Schumannstraße 25
Die Erneuerung der katholischen Kirchenarchitektur im 20. Jahrhundert
Jahrzehntelang wurde einzig aus dem Bauhaus entwachsene Architektur als eine "moderne" als "neue Architektur" anerkannt. Dabei übersah man die große Anzahl von Baumeistern, die sich neuartiger Materialien und Konstruktionen bedienten, auch ein sachlicheres Formenvokabular nutzten und dennoch der Tradition verbunden blieben. Zu ihnen gehören die Architekten der so genannten "Stuttgarter Schule", die auf Theodor Fischer zurückgeht und von Paul Bonatz, Paul Schmitthenner oder Martin Elsässer geprägt war. Bei ihnen hatte der Hans Herkommer von 1906 bis 1910 studiert. Wie der wenige Jahre ältere Dominikus Böhm und der jüngere Rudolf Schwarz avancierte auch Herkommer seit den 1920er Jahren zu einem einflussreichen und stilbildenden katholischen Kirchenarchitekten. Für die evangelischen war Otto Bartning ein großes Vorbild.
Diese Baumeister beteiligten sich nicht nur theoretisch an den Diskussionen der Liturgischen Bewegung, sondern suchten nach Baugestalten, in denen das reformatorische Gedankengut architektonischen Ausdruck fand. Dazu gehörte die erhöhte Stellung des Altars, "als Ausdruck des neuen Verständnisses für das Mysterium der heiligen Messe" (Kahle 1990, S. 42), die gute Sichtbarkeit in einem stützenlosen Raum und damit die Teilnahme der Gläubigen an der Heiligen Handlung. Die Gemeinschaft der Gläubigen sollte betont werden. Es entwickelten sich Grundrisstypologien, einerseits die "christozentrische" Anlage, bei der im Zentrum des Baus der Altar steht, um den sich alles andere gruppiert. Die geforderte Richtungsbezogenheit der Gemeinde auf den Altar hin ließ sich in diesem Grundriss nur schwer in eine bauliche Gestalt umsetzen und kann nur mit wenigen Beispielen belegt werden. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Altar als baulicher Mittelpunkt der Kirche zum allgemeingültigen Prinzip.
Die "Wegkirche" andererseits bewahrte die traditionelle Form. Der Gläubige bewegt sich durch den Kirchenraum auf den Opfertisch zu als dem endgültigen Höhepunkt des Raumes. Rudolf Schwarz, der den Altar "nicht als Mitte sondern als 'Mittler und als Schwelle zu' Gott" verstand (Kahle 1990, S. 37), kritisierte die christozentrische Idee, und auch Herkommer hat vor dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich Wegkirchen gebaut. Sein Ziel war ein "gemeinschaftsbildender Raum mit freier Sicht nach der Opferstätte für alle Teilnehmer am Gottesdienst und mit freier Sicht nach dem Prediger. Dieses Streben der Gemeinschaft zu gemeingültigem Opfer, zu gemeingültiger Feier und zu gemeingültigem Wort verlangt gebieterisch nach einem sichtbaren pfeilerlosen Einraum" (Neuzeitliche Kirchenkunst, S. 176). Doch dieses Ziel erkannte und erreichte er erst, nachdem er mit dem Bau mehrerer Kirchen umfassende Erfahrungen gesammelt hatte.
Der am 24. Mai 1887 in Schwäbisch Gmünd geborene Hans Herkommer hatte sich dort 1913 als freier Architekt niedergelassen, bevor er ab 1919 sein Büro in Stuttgart betrieb. Von Anbeginn seiner Tätigkeit als Architekt bis zu seinem Tode 1956 gelangen ihm wegweisende Bauten in der Verbindung von Tradition und Moderne. Anfangs ersetzte er lediglich überlieferte Bauweisen durch moderne Konstruktionen.
Katholische Pfarrkirche St. Michael, Saarbrücken-St.Johann
So wird das Tonnengewölbe bei Herkommers erstem großen Kirchenbau, der katholischen Pfarrkirche St. Michael in Saarbrücken, aus Stampfbeton gefertigt. Dieser Bau ist in Grundrissstruktur und Körpergestalt noch von der Tradition bestimmt, wenngleich ihn starke formale Vereinfachungen als einen Bau der 1920er Jahre charakterisieren.
Im Frühjahr 1913 schrieb die Pfarrgemeinde einen Wettbewerb unter allen im Reichsgebiet tätigen Architekten aus. Als Baugrundstück standen Teile des ehemaligen Friedhofsgeländes auf einer Anhöhe des Rotenbergs am Rande der städtischen Bebauung zur Verfügung. In dieser exponierten Lage wünschte die Gemeinde ein monumentales, die Stadtlandschaft beherrschendes Bauwerk. 173 Entwürfe wurden eingereicht, Herkommer, damals gerade 26 Jahre alt, erhielt nur einen Ankauf. Dennoch wurde er nach langwierigen Diskussionen mit dem Bau beauftragt. Er hatte es verstanden, "durch den einfachen und überschaubaren Grundriss sowie durch die markige und eindringliche Wucht des Bauwerks seinen Plan zum Siege zu führen", heißt es in der Festschrift. Und er war der einzige Preisträger mit einer "den Zeitumständen angepassten neuartigen Formgebung", wie sie der Kirchenvorstand verlangte. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereitelte den Baubeginn, der Krieg vernichtete auch das angesammelte Baukapital.
Erst im März 1923 wurde mit dem Bau begonnen. Herkommer hatte den Entwurf von 1913 weiter überarbeitet: Der an der Südseite geplante Kreuzgang entfiel, die ursprünglich reich gegliederte Außenarchitektur wurde durch "schlichte, ruhige und große Flächen, die durch einfache alte Mauertechnik belebt sind“ ersetzt. „Flächigkeit, gepaart mit starken Vertiefungen und auskragenden Spannungsentladungen bringen Ruhe, Rhythmus und Dynamik", meinte Herkommer (Festschrift 1924, S. 41). Gegen diese formale Vereinfachung äußerte das Hochbauamt für Militär- und Wohnungswesen Bedenken. In einem Gutachten vom 27. März 1923 heißt es: "Die Architektur ist in modernen Bauformen gehalten und lässt die hohe künstlerische Gestaltungskraft des Entwurfsverfassers ohne Zweifel erkennen. Dagegen muss bezweifelt werden, ob mit diesen Formen dem traditionellen Geiste des Katholizismus entsprochen ist. Ein Vergleich mit Kirchenbauten des Mittelalters und der Barockzeit lässt den profanen Charakter der gewählten modernen Form im Gegensatz zu den kirchlichen jener Zeit erkennen und zwingt dazu, von ihrer Anwendung abzuraten, solange diese Formen nicht als Ausdruck einer allgemeinen modischen Geistesrichtung gelten können." (LA Sb, MK 432, Gutachten vom 27. März 1923) Da die Bauarbeiten bereits begonnen hatten, blieb es ohne Einfluss, allerdings änderte Herkommer noch in der Bauphase mehrfach einzelne Details und passte sie den Wünschen der Bauherren an.
Am 27./28. September 1924, dem Michaelstag, wurde die Kirche geweiht. Seither beherrscht sie weithin sichtbar aus vielen Perspektiven das Stadtbild Saarbrückens und wirkt dabei "in verschiedenartigster Weise. Schlank und schmal vom Westen her, von Süden als eine langgelagerte wuchtige Masse über dem Häusermeer und aus Nordwesten als eine stolz emporragende Bekrönung des Rotenbergs. (…) Die Doppeltürme recken sich in dieser Schrägstellung als zusammengehöriges, gedrungenes Massiv empor, kurz vor dem Abfall der Höhe", so beschreibt der Architekt seine Kirche. (Festschrift 1924, S. 38) Eine 12m breite, monumentale Treppe überwindet den Höhenunterschied von 8m und führt über drei Terrassen hinauf zu einem kleinen Vorplatz, den Pfarrhaus und Westwand der Kirche begrenzen und der sich in die Schumannstraße öffnet.
Die klare Flächigkeit der Außenwände durchbrechen stark vertiefte Rundbogenfenster und Nischen, schmale hohe Lichtschlitze und Gesimse, stark vereinfachte Formen der traditionellen Baukunst. Ein ruhiges steiles Dach fasst den Baukörper zusammen. Eine große Rundbogennische unterbricht die charakteristische 18m breite und 23m hohe, massive und schmucklose Westwand. Sie erinnert an ein Triumphtor, aber auch an die Eingangssituation des Stuttgarter Hauptbahnhofs, den Herkommers Lehrer, Paul Bonatz, gleichzeitig errichtete. Für den Architekten war es selbstverständlich, Details der profanen Baukunst in den Sakralbau zu übernehmen. Auf einem Kragstein oberhalb des Torbogens erhebt sich der Friedensbote, der Erzengel Michael. Die Eingangsfront wird klar begrenzt durch ein auskragendes Gesims, eigentlich nur eine horizontale Scheibe. Erst die hoch hinauf strebenden Türme darüber zeigen das Formempfinden der zwanziger Jahre, sind expressionistisch geprägt. Zu Dreiergruppen zusammengefasste Fensterschlitze durchbrechen die Turmkuben, lösen ihre Massivität aber nicht auf. Gestufte kronenartige Abschlüsse scheinen Kreuze in die Höhe zu heben und vermitteln zwischen der Schwere des Baukörpers und der Himmelstransparenz. Ruhe, Rhythmus und Dynamik kennzeichnen den Außenbau, der aus einem regionaltypischen Stein errichtet wurde. Heimatverbundenheit wird angedeutet, gleichzeitig die Monumentalität der Kirche gesteigert, die sich im Grundriss als dreischiffige Basilika mit Querhaus und Chor darstellt.
Zurückgenommen in der 13m hohen Eingangsnische liegt das dreigeteilte, reich geschmückte Kirchenportal. Eine 8m breite Windfangvorhalle dient als weitere Schwelle im Übergang von der profanen Außenwelt in den mit 38m doppelt so langen wie breiten und hohen Kirchenraum, den die massive Gewölbedecke beherrscht, die ohne Unterbrechung von Eingang bis zum Chor durchläuft und so die Hinführung der Gemeinde auf das liturgische Zentrum unterstützt. Schmale Seitenschiffe sind auf nischenförmige, tonnengewölbte Kapellen reduziert, das Querschiff trägt ebenfalls ein Tonnengewölbe. Damit erreicht der Architekt eine einheitlich wirkende Großform, eine Halle. Beim Eintritt wird der Blick magisch angezogen vom 12m breiten und 15m tiefen Chor, dem religiösen Höhepunkt der Kirche. Seine baukünstlerische Durchbildung korrespondiert mit einem symbolhaltigen, fast mystischen Ausdrucksgehalt, den die gedämpfte Beleuchtung unterstreicht. Am Außenbau als Rechteckblock sichtbar, gliedert er sich innen in Vorchor und Hochchor. Eine den Chor füllende Treppenanlage trägt zur optischen Trennung bei. Ihre beiden seitlichen Läufe im Vorchor gehen im Hochchor über in die ganze Raumbreite, steigen hinauf bis zum Hochaltar, wo die Höhe von 2,20m über Fußbodenniveau des Langhauses erreicht wird. Zudem verengt sich das Tonnengewölbe im Chorraum konzentrisch in zweifacher Abstufung. Der Raum wird niedriger, wirkt enger und durch die "rasche Abfolge von Transversalbögen lässt sich die tatsächliche Tiefenerstreckung nicht mehr abschätzen." (Böker 1998, S. 144) Vorchor und Chor lenken Blick und Bewegung auf den religiösen und räumlichen Mittelpunkt, den Hochaltar, gleichzeitig vergrößert sich die Distanz zu ihm. Zwei seitlich eingestellte Säulenreihen grenzen den intimen Altarraum weiter aus. Die flimmernde Textur des Gewölbes und die "seitlichen Säulenreihen, die sich in der Blickrichtung vom Gemeinderaum aus zu einer Gitterwand zusammenschließen" wurden dazu genutzt, "einen strukturell deutlich vom Langhaus mit seiner vergleichsweise plastischen Detaillierung abgesetzten Raumabschnitt entstehen zu lassen, dem dadurch ein eher transzendentaler Charakter zukommt." (Böker 1998, S. 144) Fünf Paare von Engelssäulen stehen zunächst weit auseinander, rücken immer mehr zur Mitte, werden höher und flankieren den Hochaltar. Dahinter öffnet sich ein farbenprächtiges Rundbogenfenster. Altar, Säulen und Fenster verschmelzen nicht nur optisch zu einer entgrenzten Einheit, die das Licht der Seitenfenster weiter in die Höhe treibt, sondern sie sind auch mit dem Ausdrucksgehalt ihrer Symbole aufeinander bezogen. Die Fensterdarstellungen weisen auf die Opferbank und damit auf den Altar hin. Im Symbolgehalt der Engelssäulen zeigt sich die Verbindung zu Altar, zu Altar und Gläubigen und zu Altar und Fenster.
Den mit blauer Majolika geschmückten, expressionistisch geformten Hochaltar hat Herkommer als einen dreistufigen Rundbau mit Nischen und sieben Pfeilern entworfen. Er wurde von dem Karlsruher Bildhauer Emil Sutor plastisch bearbeitet und von der Firma Villeroy & Boch in Dänischburg bei Lübeck ausgeführt.
Unter dem Altarraum befindet sich eine Krypta, deren gelbe und violette Farbgebung eine mystische Stimmung auslöst. Den Versammlungsraum der Gemeinde hatte Herkommer unter das südliche Querschiff gelegt und damit das fallende Gelände ausgenutzt. An der Nordseite des Chores öffnet sich die Marien- und Taufkapelle, während die Orgel zwischen den Türmen an der Westwand eingebaut ist, die Sängerempore davor schwingt sich in den Kirchenraum.
Der Karlsruher Kirchenmaler Schilling schmückte die Kirche aus, die Wände des Hauptschiffs waren in einem leuchtenden Orange verputzt, die Deckenkassetten blau, rot, grün und violett ausgemalt und mit Goldhöhung gefasst. Sie wirkten wie ein großer Teppich und unterstützen die architektonische Gliederung. Gerade die farbige Ausgestaltung kritisierte Johann Joseph Morper 1935 auf das Schärfste: "Auffällig bleibt (…) die geradezu tropisch reiche Fülle von Farben und Farbnuancen, in der das Innere (…) schwelgt und die buchstäblich wie Opiate das religiöse Gefühl in eine schwüle Trunkenheit versetzt." (Morper 1935, S. 13) Dagegen steht eine Beschreibung von Edith Cartellieri, die 1930 meinte: "Große ruhige Formen, klare Gliederung der Flächen und Betonung durch ein harmonisches Farbenspiel wirken durch ihre Echtheit und Vornehmheit als geschlossenes Ganzes, ohne jede überflüssige Schmuck- und Zierform. Die Macht des Ausdruckes, geistig Abstraktes hat hier im Kampf der Kräfte die Oberhand über das sinnlich Dekorative gewonnen." (Cartellieri 1930, S. 35) Andere Zeitgenossen betonen die "bemerkenswerte Beherrschung von Farbe und Form". (Fuchs-Röll 1925, S. 152)
1925 beteiligt sich Hans Herkommer erfolglos am Wettbewerb für die Christkönigkirche in Saarbrücken. Sie wurde von Carl Colombo gebaut. Nach Marina Lahmann schlug Herkommer hier erstmals die Flachdecke mit Querbindern vor. An ein breites Kirchenschiff waren, ähnlich wie bei St. Michael, untereinander verbundene Kapelle angeschlossen. Sie öffnen sich durch spitzbogige Arkaden zum Kirchenschiff, den expressionistische Spitz - und Dreiecksformen prägen. (Lahmann 1990, S. 52)
Die katholische Pfarrkirche St. Michael wurde im Krieg erheblich beschädigt, die Chorwand dabei zerstört. 1948 war sie wiederhergestellt. 1970 gestaltete Prof. Günter Kleinjohann, Trier den Chorraum neu, bis 1974 wurde die Krypta umgebaut, das Dach erneuert. Die bemerkenswerte Farbgebung wurde dabei jedoch zerstört. Heute ist ein zweiter Altar in das Langschiff verlegt und steht im Mittelpunkt der Gemeinde.
Marlen Dittmann
Bibliografie
Redaktion: Oranna Dimmig, Claudia Maas
letzte Änderung: Sonntag, 11.12.2011