Erweiterungsbau Heizkraftwerk Römerbrücke ZWO, Architektenteam Jochem Jourdan und Bernhard Müller, 1985 ff. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Erweiterungsbau Heizkraftwerk Römerbrücke ZWO, Architektenteam Jochem Jourdan und Bernhard Müller, 1985 ff. 

Katharina Fritsch, "Die Mühle", 1990, gegossener Beton, Holz, Höhe 7 m. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Katharina Fritsch, "Die Mühle", 1990, gegossener Beton, Holz, Höhe 7 m 

Edward Allington, "Tempel", 1990, Edelstahl, 6 x 13 m. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Edward Allington, "Tempel", 1990, Edelstahl, 6 x 13 m 

Edward Allington, "Tempel", 1990, Edelstahl, 6 x 13 m. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Edward Allington, "Tempel", 1990, Edelstahl, 6 x 13 m 

Peter Fischli und David Weiss, "Schneemann", 1990, geformter Schnee, tiefgefroren, Höhe ca. 1,70 m. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Peter Fischli und David Weiss, "Schneemann", 1990, geformter Schnee, tiefgefroren, Höhe ca. 1,70 m 

Thomas Schütte, "Häuserlandschaft aus Leuchtkörpern", 1990, Plexiglas und farbige Leuchtstoffröhren. Foto: Archiv Institut für aktuelle Kunst im Saarland

Thomas Schütte, "Häuserlandschaft aus Leuchtkörpern", 1990, Plexiglas und farbige Leuchtstoffröhren 

Thomas Schütte, "Häuserlandschaft aus Leuchtkörpern", 1990, Plexiglas und farbige Leuchtstoffröhren. Foto: Archiv Heizkraftwerk Römerbrücke, Saarbrücken

Thomas Schütte, "Häuserlandschaft aus Leuchtkörpern", 1990, Plexiglas und farbige Leuchtstoffröhren 

Saarbrücken, Kunstprojekt Heizkraftwerk Römerbrücke

Letzte Änderung: 14/03/2013

Kunstprojekt Heizkraftwerk Römerbrücke, Saarbrücken

 

Am Fuße des Halbergs, dort wo heute die beiden Stadtteile Brebach und St.Johann aneinander grenzen, kreuzten sich die Fernstraßen von Worms nach Metz und von Trier nach Straßburg. Hier entstand eine römische Siedlung. Handelsreisende und Soldaten überquerten an dieser Stelle die Saar, zunächst über eine Furt, später über eine steinerne Brücke, deren Pfeilerreste bei der Saarkanalisation 1863 beseitigt wurden. Die verschwundene Römerbrücke wurde namensgebend für ein Fernheizwerk, das die Stadtwerke Saarbrücken 1964 am Ufer der Saar errichten ließen und damit technologisches Neuland beschritten. Mit dieser Anlage war der Ausbau des damals in der Bundesrepublik kaum erprobten Fernwärmenetzes verbunden. Das Kraftwerk am Stadtrand wurde zum Schrittmacher einer nachhaltigen, neueste Technologien und ökologische Standards nutzenden Energieversorgung.

 

1985 wurde mit dem Erweiterungsbau Heizkraftwerk Römerbrücke ZWO begonnen, geplant von dem Architektenteam Jochem Jourdan und Bernhard Müller. Deren Büro "Projektgruppe Architektur und Städtebau" (PAS) hatte bereits unter anderem einen Erweiterungsbau zum Heizkraftwerk im Frankfurter Westhafen errichtet.

 

In Saarbrücken galt, was nach Einschätzung von Hans-Peter Schwarz in „Architektur und Wohnen“ 1990 für alle Bauten des Duos zutrifft: "Als Katalysator für ein Stück Stadt wollen die Architekten jedes Bauwerk verstanden wissen: als Architektur einzigartig und gleichzeitig diskursiv, gesprächsbereit als städtebaulicher Orientierungspunkt."

 

Die Konzeption der Architekten sah von Anfang an nicht nur die städtebauliche Einbindung des Industriebaus vor, sondern auch die künstlerische Gestaltung des Gebäudes. Erneut ging von diesem Ort ein Impuls für die Stadt aus, nachdem hier Architektur und Technik und die sie auf eigene Art verbindende Kunst zusammenkamen.

 

Den Anstoß dafür gab eine von außen dringende Bewegung. Ihr Motor war der damalige Leiter der Frankfurter Städelschule Kasper König, den die Architekten als künstlerischen Berater dazugebeten hatten. Er wählte fünf Künstler einer international agierenden mittleren Künstlergeneration aus, die bereits Erfahrung mit Projekten dieser Größenordnung hatten, und verschaffte damit dem Projekt seine Reputation.

 

Diese besteht auch nach 20 Jahren unvermindert fort. Das technische Bauwerk selbst gab mit seiner Formensprache den Rahmen für die künstlerischen Eingriffe vor. In einer Art Baukastensystem legt die Architektur die Elemente des Heizkraftwerkes offen dar: Kesselhaus, Maschinenhaus und Schornstein. Die Technik wird nicht hinter einer Fassade versteckt, sondern hervorgehoben und in Szene gesetzt. Die einzelnen Kunstobjekte greifen diesen Ansatz auf. Auch sie lenken den Blick auf das Thema der Energieversorgung und die damit angestoßene, aktuelle Diskussion über den Umgang mit den Ressourcen in einer mit scheinbar unbegrenzten technischen Möglichkeiten ausgestatteten Zivilisation. Das Heizkraftwerk Römerbrücke ZWO erweist sich daher vollgültig als Gesamtkunstwerk, weil hier nicht nur Architektur und Kunst ineinander greifen, sondern beide das Thema Energieversorgung in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung kontrovers, distanziert und ironisch angehen.

 

 

Katharina Fritsch

"Die Mühle", 1990

gegossener Beton, Holz, Höhe 7 m

Saarbrücken, St. Johann, Nähe Heizkraftwerk Römerbrücke, rechtes Saarufer, Landzunge

 

Weithin sichtbar und auf Fernwirkung ausgerichtet sind drei der vier Kunstwerke. „Die Mühle“ von Katharina Fritsch sitzt auf der Spitze einer nur schwer zugänglichen Landzunge in der Saar, 100 Meter von der Anlage entfernt. Sie war, vor dem Bau der Ostspangenbrücke, als "point de vue" für einen Spaziergänger, der die Fußgängerbrücke beim Heizkraftwerk passierte, angelegt. Der Abstand vom Kraftwerk war gewünscht, denn die so geschaffene räumliche Distanz gibt der Einsicht ein Bild, dass es keinen Weg zurück zu den Formen der Energieversorgung von einst gibt. Maschinen haben längst die Mühle als Energielieferant der vorindustriellen Zeit abgelöst.

 

"Bei dieser Mühle handelt es sich um eine Form von Kraftwerk, freilich in der romantischen Verklärung des Industriezeitalters." (Kaspar König) Das (Mühl-)Rad der Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Die Technik setzt längst andere Standards. Daher ist es ein Trug, noch einmal hinter die erbrachten zivilisatorischen Leistungen zurückzufallen. Die Mühle ist eine unerreichbare Idylle, die bestenfalls noch aus der Distanz, in unserem Fall von der Brücke oder dem Treidelpfad am Saarufer aus, zu betrachten ist. Dabei verweigert das Gebäude als stilisierte graue Betonmühle die perfekte Illusion, zumal nicht Wasser, sondern der vom Heizkraftwerk gelieferte Strom das Mühlrad dreht. Der Energiespender von einst ist der Energieverbraucher von heute. Die Mühle erinnert an den Ursprung der Energieerzeugung, doch erweist sie sich als Relikt der Vergangenheit, die nur als Inszenierung in der Gegenwart ihren Platz hat.

 

 

Edward Allington

"Tempel", 1990

Edelstahl, 6 x 13 m

Saarbrücken, St. Johann, An der Römerbrücken, Heizkraftwerk Römerbrücke, Dach der Kühlbauwerke,

 

Auch der Bildhauer Edward Allington bediente sich der Symbolkraft eines Bauwerks und nutzt dabei die Verschiebung des Kontextes. Der "Tempel", Sinnbild des Glaubens und einer göttlichen Ordnung, sitzt auf der Dachkante des Kraftwerks. Die ihm von Allington verordnete Schieflage gibt den Zweifeln an der Allheilkraft und Allmacht der Technik ebenso ein Bild wie dem der Kunst in einer säkularisierten und hochtechnisierten Gesellschaft. Alles ist machbar geworden, jedes Geheimnis scheint gelüftet und dennoch schafft eine entfesselte Technik immer wieder neue Probleme. Die Technik als Allheilmittel der Zivilisation erweist sich als Täuschung. Sie operiert auf schwankendem Grund, ohne feste Basis. Edward Allington verband mit seinem Tempel die Erkenntnis, „dass es heutzutage beinahe unmöglich ist, etwas Wahres zu schaffen.“ Selbst der Dampf des Kraftwerks, der aus dem Edelstahl-Tempel dringt, gerät zur Illusion. Allingtons Tempel ist dem Götzen Energie geweiht und in der Geste dem ehrgeizigen Ikarus verwandt, dessen Höhenflug mit einem Absturz bezahlt wurde. Der Tempel erinnert an die Vorläufigkeit des Wissens, das durch jeden neuen Erkenntnisschritt der Forschung obsolet wird. Für Edward Allington bleibt es eine Unmöglichkeit, ob in der Kunst oder anhand der Technik, etwas Wahres zu schaffen. Dieser deprimierenden Einsicht stehen das Bedürfnis des Menschen nach Trost entgegen. Den bietet ihm die Religion und die ästhetische Verbrämung des Technoiden in Gestalt des dampfenden Tempels auf dem Dach des Heizkraftwerks: Für Allington eine augenzwinkernde Illusion, die er als solche kennzeichnet.

 

 

Peter Fischli und David Weiss

"Schneemann", 1990

geformter Schnee, tiefgefroren, Höhe ca. 1,70 m

Saarbrücken, St. Johann, An der Römerbrücke, Heizkraftwerk, Eingangsbereich

 

Auch das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss nimmt sich dem Thema Energie an, jedoch mit weitaus mehr Ironie und Hintersinn und in einer Gestaltung, die, unabhängig von Alter und Bildungsstand, für alle Betrachter nachvollziehbar ist. Ihr neben der Pförtnerloge in einem gläsernen Kühlschrank untergebrachter kleiner „Schneemann“ erweist sich als ein Paradox für jede Tages- und Jahreszeit. Solange das Heizkraftwerk Strom erzeugt, grüßt der Schneemann als Repräsentant des Ewigen Eises die Passanten der Römerbrücke. Hier hat die Analyse der Vorgänge im Heizkraftwerk eine einfache Form gefunden in Materialien, die in der klassischen Bildhauerei nicht verwendet werden. Daran war es Fischli/Weiss ausdrücklich gelegen: "…und diese Energie und diese Kraft versuchten wir in verschiedenen anderen Formen irgendwie umzusetzen, ein Symbol zu finden dafür; was nicht so einfach ist, weil die schon stark besetzt sind von der klassischen Bildhauerei."

 

 

Thomas Schütte

"Häuserlandschaft aus Leuchtkörpern", 1990

Plexiglas und farbige Leuchtstoffröhren

Saarbrücken, St. Johann, An der Römerbrücke, Heizkraftwerk, Fassade des Kesselhausblocks

 

Thomas Schütte wählte für seine Fassadengestaltung den umgekehrten Weg. Er näherte sich mit seinem Entwurf den herkömmlichen, in Innenstädten zu findenden Leuchtreklamen. Ein Umstand, der ihm bewusst war: "…und dass man sich eben am Rande der billigen Gestaltung bewegt, dieses Missverständnis ist schon interessant." Die 28 quadratischen Kesselhausfenster leuchten in der Nacht von innen gelb, bekrönt von roten dreieckigen Leuchtformen. "Thomas Schütte suchte die unmittelbare Nähe zum Baukörper des Heizkraftwerkes. Entstanden ist auf diese Weise das Piktogramm einer kleinen Siedlung, und die Monumentalität des Bauwerks ist sozusagen in eine kleinteilige Struktur transformiert worden. Der Sinn dieser Arbeit ist unschwer zu erraten: Das Heizkraftwerk dient den in der Nähe gelegenen Wohnhäusern und somit den Bürgern der Stadt. Besonders bei anbrechender Dunkelheit zeigt sich die von Schütte angestrebte Wirkung, wenn die hellen Fenster und ihre imaginären roten Dächer in die Nacht hinausleuchten." (Kaspar König)

 

Ursprünglich hatte Thomas Schütte weitere Neonzeichen für die Fassade geplant, anhand derer das fragile und daher Wachsamkeit einfordernde Verhältnis von Mensch, Stadt und Natur weithin sichtbar angemahnt werden sollte. Jedoch wurden die blaue Schlange, Symbol des Flusses, und ein Auge, Symbol für die Wachsamkeit des Menschen, nicht umgesetzt. Allein die gelben Häuser mit ihren roten Dächern erinnern an die einsträngige Beziehung zwischen Stadt, Lichtfassade und Heizkraftwerk: Ohne Energie vom Kraftwerk, kein Licht in der Stadt und an der Fassade.

 

 

Sabine Graf

 

 

Bibliografie

  • Stadtwerke Saarbrücken (Hg.): Kunstprojekt Heizkraftwerk Römerbrücke. Mit Texten von Kaspar König. Saarbrücken 1992
  • Jo Enzweiler (Hg.): Kunst im öffentlichen Raum Saarland, Band 1, Saarbrücken Bezirk Mitte. Saarbrücken 1997. Darin:
    Sabine Loos: Das Heizkraftwerk Römerbrücke in Saarbrücken als Gesamtkunstwerk (S. 89-99) >>>
  • Jo Enzweiler und Erik Schrader (Hg.): Kunstort. Kunst im öffentlichen Raum in  Saarbrücken-St. Johann. Saarbrücken 2010 (Text von Sabine Graf) >>>

 

Redaktion: Oranna Dimmig und Claudia Maas


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